
Urban Innovation Forum (Ausmalposter) Foto: William Vedder
Warum gute Zukunftsgespräche vor dem Workshop beginnen
- Niels Jansen
Gerade bei komplexen Themen ist das leichter gesagt als getan. Viele Beteiligte starten nicht mit demselben Wissensstand. Einige bringen fachliche Expertise mit, andere Alltagserfahrungen, politische Perspektiven oder Unsicherheiten. Dazu kommen Begriffe, Technologien und Systemzusammenhänge, die schnell vorausgesetzt werden, aber längst nicht für alle verständlich sind.
Das Problem liegt nicht erst im Workshop selbst. Es entsteht bereits davor. Wenn Teilnehmende ohne gemeinsames Grundverständnis in einen Zukunfts-Prozess gehen, bleibt ein Teil der Gruppe auf Distanz. Diskussionen werden technischer als nötig, Fachbegriffe strukturieren das Gespräch, und Zukunftsbilder wirken abstrakt, weil die Gegenwart noch nicht ausreichend verstanden ist. In Transformationsprozessen kann das dazu führen, dass Beteiligung zwar formal stattfindet, aber nicht alle wirklich auf Augenhöhe mitdenken, nachfragen und Position beziehen können.
Infografiken und visuelle Wissenschaftskommunikation setzen genau hier an. Sie schaffen eine gemeinsame Wissensbasis, bevor der eigentliche Zukunftsdialog beginnt. Gute Infografiken ordnen komplexe Zusammenhänge, machen Abhängigkeiten sichtbar und übersetzen Fachwissen in eine Form, die schneller zugänglich ist als ein klassischer Bericht. Sie reduzieren die Einstiegshürde, ohne die Komplexität des Themas zu leugnen. Damit lösen sie ein zentrales Vorbereitungsproblem von Foresight-Prozessen: Sie helfen dabei, aus verstreutem Vorwissen ein geteiltes Gesprächsfundament zu machen.
Foto: Ellery Studio
Das Wärmewende-Malbuch von Ellery Studio zeigt, wie ein solches Format aussehen kann. Unter dem Titel „Heat Pumps, Renewables & Other Hot Stuff“ übersetzt es die Wärmewende in ausmalbare Infografiken, kurze Erklärtexte und visuelle Szenen. Wärmepumpen, erneuerbare Energien, Gebäudebestand, Stromnetze oder politische Rahmenbedingungen werden nicht als isolierte Fachthemen behandelt, sondern als miteinander verbundene Elemente eines größeren Transformationsfeldes. Das Format wirkt spielerisch, bleibt aber fachlich ernst gemeint. Gerade diese Mischung macht es anschlussfähig.
Für die Vorbereitung von Workshops ist das besonders wertvoll
Eine Infografik kann Diskussionen vorstrukturieren, ohne sie vorwegzunehmen. Sie bietet Orientierung, lädt zu Fragen ein und macht sichtbar, wo Wissen fehlt oder Perspektiven auseinandergehen. Teilnehmende können sich einem Thema nähern, bevor sie Position beziehen müssen. Das verändert die Qualität des anschließenden Austauschs. Wer zentrale Begriffe, Zielkonflikte und Zusammenhänge bereits vorab nachvollziehen konnte, kann im Workshop aktiver mitdenken und präziser über Zukünfte nachdenken und sprechen.
Das Malbuch ergänzt diesen Effekt durch eine ungewöhnliche Form der Aneignung. Beim Ausmalen verlangsamt sich die Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Der Blick bleibt an Details hängen, Verbindungen werden entdeckt, Zusammenhänge wiederholt betrachtet. Dadurch wird Wissen nicht nur aufgenommen, sondern auch emotional und visuell verarbeitet. Gerade bei komplexen Transformationsthemen kann diese Verlangsamung helfen, abstrakte Inhalte verständlicher zu machen.
Infografiken allein lösen keine Transformationsprobleme
Aber sie können ein entscheidendes Vermittlungsproblem lösen. Sie schaffen Verständlichkeit, bevor Beteiligung beginnt. Sie machen Komplexität sichtbar, bevor Zukunftsbilder entwickelt werden. Und sie helfen, Gespräche so vorzubereiten, dass mehr Menschen informiert, neugierig und selbstbewusst daran teilnehmen können.
Für Ellery Studio ist das Wärmewende-Malbuch deshalb ein Beispiel dafür, wie Informationsdesign, Wissenschaftskommunikation und Foresight ineinandergreifen können. Gute Zukunftsarbeit beginnt nicht erst mit Szenarien, Methoden oder Moderation. Sie beginnt mit der Frage, ob Menschen überhaupt einen Zugang zu dem Thema finden, über dessen Zukunft sie sprechen sollen.


