
Tag der Zukunftsforscherinnen 2026: Wessen Perspektiven prägen unsere Demokratiedebatten?
- Advanced Foresight Group
„Was als möglich, wahrscheinlich oder wünschenswert gilt, hängt auch davon ab, wer erzählt, wie erzählt wird und welche Perspektiven sichtbar oder unsichtbar bleiben. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, die in vielen Bereichen regressiv wirken, erscheint es dringlich, Frauen* zu stärken und auch in der Zukunftsforschung ihre Stimmen sichtbar zu machen.”
Mit diesen Worten beschreibt Maren Eickhoff, Initiatorin des Blogs der Zukunftsforscherinnen, einen blinden Fleck, der unsere gesamte Branche betrifft – und den Antrieb hinter dem jährlichen Tag der Zukunftsforscherinnen.
Was sind die Zukunftsforscherinnen?
Die Zukunftsforscherinnen sind eine Initiative, die die Sichtbarkeit von Frauen in der Foresight-Branche stärkt, sie vernetzt und ihnen eine Bühne bietet. Jährlich, anlässlich des Internationalen Frauentags, organisieren sie den Tag der Zukunftsforscherinnen – eine Veranstaltung, die ausdrücklich keine Veranstaltung exklusiv für Frauen ist: Im Publikum und hinter der Bar waren alle Geschlechter willkommen.
Das Netzwerk adressiert einen blinden Fleck, der die gesamte Branche betrifft: Zukunftsgestaltung ist weiblich – aber Zukunftsdiskurse sind es oft noch nicht.
Motto 2026: „Demokratie stärken, Perspektiven gestalten“
Der Abend verfolgte ein doppeltes Ziel: Zukunftsdebatten rund um Demokratie zu fördern – und diese Debatten selbst zu demokratisieren, durch die Sichtbarmachung von Frauen* in der Zukunftsgestaltung. Die Leitfrage des Abends: Wie gelingt eine inklusive, faire Zukunftsgestaltung, die vielfältige Perspektiven mitdenkt, anstatt zu exkludieren?
Der Wert unbequemer Zukünfte
Zukunftsforschung beschäftigt sich traditionell auch mit unerwünschten Szenarien. Doch wenn es um gesellschaftspolitische Fragen geht, stellt sich schnell die Frage: Welche Zukünfte sind diskutierbar? Wo normalisieren wir mit antidemokratischen Zukunftsbildern einen Diskurs, den wir nicht wollen?
Beate Schulz-Montag stellte acht Szenarien für die Zukunft der liberalen Demokratie in Deutschland vor, die im Rahmen der Studie „Alte Grenzen – Neue Gefahren 2035“ des Projekts D2030 erarbeitet wurden. Sieben davon zeigen, wie Demokratie erodiert – schleichend, in kleinen Schritten, oft ohne erkennbaren Moment des Bruchs.
Genau darin liegt die eigentliche Gefahr: Demokratien brechen in diesen Szenarien nicht abrupt zusammen. Sie gewöhnen sich. An Rhetorik, die gestern noch verurteilt wurde. An Kompromisse, die sich als Pragmatismus tarnen. An eine politische Mitte, die ihre eigene Sprache verliert, weil sie die Sprache der anderen übernimmt.
Schulz-Montags Botschaft war keine pessimistische – sondern eine strategische: Wer diese Entwicklungspfade versteht, wer die Kipppunkte kennt, wer begreift, welche Dynamiken eine Gesellschaft von einem demokratischen in ein autoritäres Szenario treiben, der kann auch gegensteuern.
Die emotionale Dimension von Zukunftsdebatten
Moderiert von Dodo Vögler führte der Abend nahtlos von der analytischen Szenarioarbeit zur entscheidenden Anschlussfrage: Was nützen die besten Szenarien auf rationaler Ebene, wenn wir nicht in der Lage sind, mit Menschen unterschiedlichster Perspektiven konstruktiv darüber zu sprechen?
Susanne Waldow-Meier brachte einen sozialpsychologischen Blick ein und beleuchtete die emotionale Ebene in Zukunftsdebatten – ein Aspekt, der in der Foresight-Praxis oft unterschätzt wird.
Was passiert mit uns, wenn wir über Demokratie, Populismus und bedrohliche Zukünfte ins Gespräch kommen? In unbequeme Gespräche – nicht in gegenseitige Bestätigungen innerhalb der eigenen Bubble?
Susanne Waldow-Meier sprach über Unbehagen, Angst, Unsicherheit – aber auch über Abwehr. Wie oft flüchten wir in Komfortzonen? In Debatten mit Kreisen, die ohnehin schon denken wie wir? In Narrative, die uns bestätigen, statt herauszufordern? In die angenehme Gewissheit, dass die anderen das Problem sind – und wir nicht?
Ihr zentrales Argument: Rechtspopulistische Narrative sind nicht zuletzt deshalb so wirksam, weil sie emotional funktionieren. Sie bieten Entlastung. Sie sagen: Du musst dich nicht verändern. Du musst dich nicht hinterfragen. Die Schuld liegt woanders. Das ist ein mächtiges Angebot – und wer es nur rational zu widerlegen versucht, wird scheitern.
Was stattdessen hilft? Die Bereitschaft, Unbehagen auszuhalten. Kritische Selbstreflexion. Und „radikale Höflichkeit“: offen bleiben für schwierige Perspektiven, ohne die eigene Klarheit in demokratischen Positionen aufzugeben. Echtes Zuhören, auch wenn es anstrengend ist – nicht weil man allem zustimmt, sondern weil echter Dialog nur dort beginnt, wo Komfortzonen enden.
Vom Zuhören ins Gespräch: Workshop und Vernetzung
Auf die Vorträge folgte kein passives Ausklingen – sondern ein interaktiver Workshopaustausch, organisiert von Melisande Rodenacker. An drei Stationen konnten die über 40 Teilnehmenden gemeinsam sinnieren: Was sind ihre Forderungen und Wünsche an die Demokratie? Was braucht es – von uns, von Institutionen, von der Zivilgesellschaft?
Das Format schuf genau den Raum, den Susanne Waldow-Meiers Vortrag eingefordert hatte: nicht die bequeme Bestätigung, sondern den echten Austausch über unterschiedliche Perspektiven. Anschließend blieb bei Snacks und Getränken genug offener Raum für informelle Vernetzung – und die Gespräche, die sich nicht in Workshopformaten fassen lassen.
Ein wichtiger Hinweis, der nicht vergessen werden sollte: Auch wenn die Sichtbarkeit von Frauen im Mittelpunkt steht – der Abend war ausdrücklich offen für alle Geschlechter. All genders welcome. Das ist kein Nebensatz, sondern Programm.
Warum dieser Abend mehr war als eine Veranstaltung
Wie der Internationale Frauentag selbst ist der Tag der Zukunftsforscherinnen ein Reminder: Ihre Perspektiven haben nicht nur an einem Tag im Jahr Relevanz – sondern an allen 365.
Beide Vorträge des Abends machten das exemplarisch sichtbar. Sie brachten eine analytische Tiefe und eine emotionale Ehrlichkeit in die Diskussion, die in vielen Foresight-Räumen noch immer fehlt. Gerade für Zukunftsforscher, denen klassische Rollenbilder den bewussten Umgang mit der emotionalen Ebene erschweren, war der Abend ein produktiver Spiegel.
Die Vorträge, der Workshop, die Gespräche danach – zusammen ergaben sie einen Abend, der seinem Anspruch – sich gegenseitig zu stärken, zu inspirieren und neue Möglichkeitsräume zu öffnen – mehr als gerecht wurde. Und ein guter Reminder, wie sehr es unser aller Job ist, vielfältige Perspektiven in der gesellschaftlichen Zukunftsgestaltung zu inkludieren, statt zu exkludieren.
Wir bedanken uns herzlich bei den Zukunftsforscherinnen für die wunderbare Veranstaltung. Dodo Vögler (Ellery Studio) stellte ihr Studio wie jedes Jahr als Location zur Verfügung und führte souverän durch den Abend. Melisande Rodenacker gestaltete den interaktiven Workshopaustausch. Franziska Isabelle Schönfeld sorgte als Teil des Orgateams und an der Tür dafür, dass der Abend reibungslos lief. Niels Jansen (Ellery Studio) und André Winzer (Schaltzeit GmbH) übernahmen die Bar und spendeten im Namen der Advanced Foresight Group Sekt für alle Zukunftsforscherinnen und Teilnehmende.
Q&As zum Tag der Zukunftsforscherinnen
Der Tag der Zukunftsforscherinnen ist eine jährlich stattfindende Veranstaltung der Initiative Zukunftsforscherinnen, die anlässlich des Internationalen Frauentags stattfindet und die Sichtbarkeit von Frauen in der Foresight-Branche stärkt.
Mit dem Projekt Zukunftsforscherin.de wird die Sichtbarkeit und Vernetzung von Zukunftsforscherinnen aller Themengebiete ermöglicht. Aussagen von Zukunftsforscherinnen werden aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht und der wissenschaftliche Austausch sowie Kooperations- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Zukunftsforscherinnen gefördert.
Weiterführende Links
Netzwerk der Zukunftsforscherinnen: zukunftsforscherin.de
LinkedIn: Zukunftsforscherinnen auf LinkedIn
Instagram: @zukunftsforscher_in
Neuer Blog: Marens Eröffnungsbeitrag
Studie D2030: Alte Grenzen – Neue Gefahren 2035

